Marktforschung · Tiefenanalyse

Sind öffentliche Vergaben in Deutschland antizyklisch?

Empirische Prüfung einer wirtschaftlich relevanten These — mit Daten von DESTATIS, DIW, HDB, ZDB, Bundesbank und EZB für den Zeitraum 2015–2026, inklusive COVID-19, Zinsschock und Wohnungsbau-Einbruch.

15 min Lesezeit Mai 2026 · David Baldin · baldin-friends.com

Inhalt

  1. Kernaussage
  2. Warum diese Frage zählt
  3. Die Divergenz: Öffentlich hält, privat bricht
  4. Sektorale Heatmap — wo der Impuls sitzt
  5. Verhältnis zum BIP — bedingte Antizyklik
  6. Der Wohnungsbau-Einbruch im Zinsschock
  7. Sondervermögen — der politische Multiplikator
  8. Korrelationsmatrix — methodische Härtung
  9. Prognose-Prototyp und Brücke zu BidLyzer
  10. Welche Sparten sind wie stark antizyklisch?
  11. Gegenstimmen — die Prozyklik-Kritik
  12. Handlungsempfehlungen für Bauunternehmer
  13. Methodischer Anhang (für Ökonomen)
  14. Einschränkungen und Datenlücken
  15. Datenquellen und Literatur

1. Kernaussage

Ja — aber nicht automatisch. Öffentliche Vergaben und Bauinvestitionen in Deutschland wirken nicht von selbst antizyklisch: Schuldenbremse und einnahmegetriebene Kommunalinvestitionen erzeugen einen strukturell eher prozyklischen Sockel. In den beiden Krisen unseres Beobachtungsfensters (COVID 2020–21, Zins- und Wohnungskrise 2022–24) haben diskretionäre Fiskalmaßnahmen — das Konjunkturpaket über 130 Mrd € (Juni 2020), das Sondervermögen Bundeswehr über 100 Mrd € (Juni 2022) und das Sondervermögen Infrastruktur & Klima über 500 Mrd € (Art. 143h GG, März 2025) — den öffentlichen Sektor zum zentralen Stabilisator des Bauauftragseingangs gemacht.

Besonders klar zeigt sich das im Tiefbau: Während im Wohnungsbau der reale Umsatz zwischen 2021 und 2024 kumuliert um rund 17 % einbrach, erreichte der reale Tiefbau-Auftragseingang 2024 mit 56,3 Mrd € einen Rekordwert — getragen vor allem von öffentlichen Großaufträgen (Autobahn- und Brückensanierung, Bahnkorridorsanierung, Stromnetzausbau). Das DIW (Clemens/Michelsen/Rieth, DIW Discussion Paper 2106, 2025) misst für diese Art von Investitionen einen Multiplikator von rund 2 mit statistisch signifikantem Crowding-in privater Investitionen — ein Gegenbild zum oft befürchteten Crowding-out.

Für Bauunternehmer ist die strategische Implikation eindeutig: Firmen mit einer öffentlich geprägten Auftragspipeline hatten 2020–2025 eine deutlich niedrigere Umsatzvolatilität als wohnungsbauorientierte Wettbewerber. Mit dem inzwischen aktiven 500-Mrd-€-Sondervermögen (Ende 2025 bereits 24 Mrd € investiert, geplante Bundesinvestitionen 2026 von über 120 Mrd €) wird sich dieser Pipeline-Vorteil bis Ende des Jahrzehnts vergrößern — sofern der vom IW Köln 2025 dokumentierte Kapazitätsengpass im Tiefbau die Mittel nicht in Inflation statt in reale Bauleistung umlenkt.

2. Warum diese Frage zählt

Die Bauwirtschaft beschäftigt im Bauhauptgewerbe ca. 923 000 Menschen (HDB 2025), in der gesamten Bauwertschöpfungskette etwa 2,5 Mio. Das sind überwiegend kleine und mittelständische, oft familiengeführte Firmen. Der Wohnungsbau-Einbruch 2021–2024 (real −17 % Umsatz) hat der Branche laut ZDB schätzungsweise 15 000 Arbeitsplätze gekostet. Im gleichen Zeitfenster hat öffentlich finanzierter Tiefbau (DB-Generalsanierung, Stromnetzausbau, Breitband) Tausende Arbeitsplätze gesichert — besonders in mittelständischen Familienbetrieben.

Konkret: ein mittelgroßer Betrieb mit 30 % Anteil öffentlicher Aufträge hatte 2023 einen um rund 10 Prozentpunkte besseren realen Umsatzpfad als ein reiner Wohnungsbau-Wettbewerber. Bei 80 Beschäftigten entspricht das ungefähr 8 Arbeitsplätzen Unterschied — direkt zurechenbar darauf, wie anti- oder prozyklisch das Geschäftsmodell aufgestellt ist.

Die Antizyklik-Frage ist deshalb keine akademische Nebenfrage. Sie ist eine konkrete Frage nach Umsatzstabilität, Mitarbeiterbindung und der Möglichkeit, Auszubildende auch dann einzustellen, wenn der Wohnungsmarkt einbricht. Genau deshalb lohnt der präzise Blick auf die Daten.

3. Die Divergenz — die zentrale Grafik

Die folgende Visualisierung ist als kumulativer Realindex auf Basis von 2019 = 100 aufgebaut. So lässt sich der Effekt der Krisen nicht über Jahresveränderungsraten verteilt, sondern als Niveau-Abstand direkt ablesen.

Abb. 1: Kumulativer realer Auftragseingang, indexiert (2019 = 100). Werte per Mauszeiger; obere Werkzeugleiste für PNG-Export.

Lesart: Während der Wohnungsbau auf rund 80 Indexpunkte zurückgefallen ist (also ein Verlust von ~20 % gegenüber dem Vor-Krisen-Niveau), liegt der öffentliche Bau bei rund 119 — also oberhalb des Vorkrisen-Niveaus. Der Tiefbau ist trotz aller Zwischenkrisen am Ende des Beobachtungsfensters wieder bei 100 angekommen. Das ist Antizyklik in verdichteter Form: Wenn der private Markt einbricht, stabilisiert die öffentliche Nachfrage.

Wichtig ist die Reihenfolge der Krisen-Schattierungen: 2020–21 (COVID) wurde mit dem 130-Mrd-€-Konjunkturpaket abgefedert; in den Daten erkennt man das vor allem am öffentlichen Bau (+6,2 % real Umsatz 2020 trotz schrumpfender Gesamtwirtschaft). 2022–24 markiert den Doppelschock aus Zeitenwende (Sondervermögen Bundeswehr) und Zinsschock — in dieser Phase entstand die größte Divergenz zwischen Wohnungsbau und öffentlichem Bau. 2025–26 beginnt die Ära des 500-Mrd-€-Sondervermögens Infrastruktur & Klima.

4. Sektorale Heatmap — wo der Impuls genau sitzt

Die Heatmap zerlegt die obige Indexbewegung in Jahresscheiben pro Bausparte. Sie zeigt kompakt, wo Antizyklik empirisch nachweisbar ist — und wo sie nur behauptet wird.

Abb. 2: Reale jährliche Veränderungsraten des Auftragseingangs nach Bausparte (2015–2025). Blau = Wachstum, Rot = Kontraktion.

Drei Befunde sind direkt ablesbar:

5. Verhältnis zum BIP — die bedingte Antizyklik

Antizyklik bedeutet ökonomisch: wenn die Gesamtwirtschaft schrumpft, dann wächst der betrachtete Sektor. Die folgende Grafik testet das direkt. Im oberen Teil das reale BIP-Wachstum, im unteren der öffentliche Bau und der Wohnungsbau im direkten Vergleich.

Abb. 3: BIP-Wachstum oben, Auftragseingang Bau unten. Das Krisenfenster 2022–2024 ist besonders relevant.

Diese Grafik liefert die entscheidende Differenzierung: Antizyklik in Deutschland entsteht nicht spontan, sondern durch fiskalpolitische Entscheidungen. In ruhigen Jahren bewegt sich der öffentliche Bau leicht prozyklisch mit dem BIP — die Kommunen investieren mehr, wenn die Gewerbesteuer fließt. Erst in Krisen wird durch Konjunkturpakete und Sondervermögen aus dieser Prozyklik eine Antizyklik. Das ist eine politische Eigenschaft, keine mechanische.

Für die unternehmerische Praxis ist dieser Unterschied entscheidend: Wer öffentliche Vergaben als automatisch wirkenden Krisenpuffer versteht, plant zu einfach. Wer aber berücksichtigt, dass diese Pakete politisch beschlossen werden und Vorlaufzeiten von 6–18 Monaten zwischen Beschluss und Vergabe haben, kann den Effekt operativ nutzen.

6. Der Wohnungsbau-Einbruch im Zinsschock

Diese Grafik zeigt die zentrale Belastung der Branche: was passiert, wenn ein prozyklischer Markt schlagartig wegbricht.

Abb. 4: Baugenehmigungen Wohnungen (Balken, linke Achse) vs. EZB-Einlagezinssatz (Diamantlinie, rechte Achse).

Zehn Zinsschritte in vierzehn Monaten, von −0,50 % auf +4,00 % bis September 2023, der schnellste Zinszyklus der EZB-Geschichte. Die Genehmigungen für Wohnungen fallen von 381 000 (2021) auf 216 000 (2024) — ein Minus von 43 %. Das ist der prozyklische Teil der Bauwirtschaft: Er kann abrupt zum Stillstand kommen, wenn sich die Finanzierungs­bedingungen ändern.

Wichtig für Preisgestaltung und Personalplanung: Dieser Markt reagiert nicht auf Subventionen oder Förderprogramme, sondern auf Zinsen. Solange die EZB nur vorsichtig senkt, bleibt der Wohnungsmarkt gedämpft. Wer als Bauunternehmer ein erhebliches Wohnungsbau-Engagement trägt, sollte 2026 mit begrenzten Volumina planen.

7. Sondervermögen — der politische Multiplikator

Der Strukturbruch 2024–2026 lässt sich in einer Grafik zusammenfassen:

Abb. 5: Bundesinvestitionen (€ Mrd, nominal), aufgeteilt in Kernhaushalt und Sondervermögen Infrastruktur & Klima.

Mit der Grundgesetzänderung vom 18. März 2025 wurde Art. 143h GG geschaffen, der ein 500 Mrd € großes Sondervermögen außerhalb der Schuldenbremse über einen 12-Jahres-Horizont legitimiert. Die Aufteilung: 300 Mrd € Bund, 100 Mrd € Länder/Kommunen, 100 Mrd € Klima- und Transformationsfonds (KTF). Das Sondervermögen-Gesetz (SVIKG) wurde am 24. Juni 2025 vom Kabinett verabschiedet und am 2. Oktober 2025 verkündet.

Die Bundesinvestitionen 2025 lagen bei 87 Mrd € (+17 % gegenüber Vorjahr), für 2026 sind über 120 Mrd € geplant — eine Verdopplung gegenüber 2019. Das DIW (Dany-Knedlik, Kriwoluzky, Rieth, DIW aktuell 111, März 2025) quantifiziert den BIP-Effekt auf +1,0 Prozentpunkte in 2026, +1,5 in 2027, +0,7 in 2028. Der oft genannte «> 2 % p. a.»-Effekt bezieht sich auf den Dekadenschnitt, nicht auf einzelne Jahre.

Wichtig: Dieser Multiplikator-Effekt setzt voraus, dass die Bauwirtschaft reale Kapazitäten hat, die Aufträge auszuführen. Das IW Köln warnt explizit (IW-Report Sondervermögen 2025), dass im Tiefbau eine Kapazitätserhöhung von rund 17,9 % nötig wäre, um die Mittel real zu verbauen — sonst würden die Mittel in Preiseffekten und Lieferzeiten versickern, nicht in mehr Brücken, Bahnstrecken und Glasfasern.

8. Korrelationsmatrix — die methodische Härtung

Für die methodische Einordnung: Korrelationen ersetzen keine Kausalität, schärfen aber den Blick auf die Richtung des Zusammenhangs.

Abb. 6: Pearson-Korrelation aller Reihen über das Fenster 2016–2025.

Der Kernbefund: ρ(Öffentlicher Bau, BIP) = −0,60. Das ist eine deutlich negative Korrelation — also ein klares antizyklisches Signal. Gleichzeitig korreliert der Wohnungsbau stark mit dem Hochbau (ρ = 0,90) und dem BIP (ρ = 0,01 — überraschend niedrig; das deutet darauf hin, dass der Wohnungsbau primär zinsgetrieben ist, weniger BIP-getrieben).

Ehrlich gemeinte Einschränkung: Diese Korrelation ist auf einer Stichprobe mit n=10 und zwei ausgeprägten Krisenepisoden berechnet. Mit monatlichen Daten über 30 Jahre würde ρ wahrscheinlich auf −0,2 bis −0,4 abschwächen — immer noch unterstützend für die Antizyklik-These, aber weniger markant. Diese Einschränkung gehört zur Einordnung der Zahl.

9. Prognose-Prototyp — Brücke zu BidLyzer

Die letzte Grafik zeigt, wie aus retrospektiver Analyse ein vorausschauendes Produkt werden kann.

Abb. 7: ARIMA-Prognose auf Tiefbau-Realindex (illustrativ, auf Jahresdaten). Im BidLyzer-Produkt: SARIMAX auf monatlichen Vergabedaten je CPV-Code.

Die Prognosegrafik ist bewusst als Prototyp gekennzeichnet. Auf Jahresdaten kann ARIMA seine Stärke nicht ausspielen. In der produktiven BidLyzer-Version würde die Analysebasis aus folgenden Bausteinen bestehen:

Auf dieser Grundlage ließe sich für jeden CPV-Bereich eine Pipeline-Heatmap erzeugen, die einem Bauunternehmer zeigt, in welchen Bereichen in den nächsten 6–18 Monaten mit welchem Volumen zu rechnen ist. Genau darin liegt der Unterschied zu klassischen Vergabe-Aggregatoren: Historische Daten zeigen, was bereits passiert ist; belastbare Prognosen unterstützen die Planung, bevor Kapazitäten gebunden sind.

10. Welche Sparten sind wie stark antizyklisch?

Aus den obigen Daten und den Sektor-Berichten der HDB und ZDB lässt sich folgende Rangordnung ableiten:

SparteAntizyklikBegründung
Tiefbau (Verkehr, Strom, Bahn) Stark antizyklisch Fast vollständig öffentlich finanziert. Rekord 2024 mit +3,4 % real und 56,3 Mrd €, 2025 +6,2 % real.
Bahn / Schiene Stark antizyklisch DB-Generalsanierung 1.500 km Korridor 2024–27, Riedbahn-Pilot abgeschlossen Dez. 2024; LuFV-Mittel 7,5 Mrd € allein 2024.
Verteidigung Antizyklisch über Sondervermögen 97 Großvorhaben 2024 mit 58 Mrd € Vertragsvolumen; SV Bundeswehr Ende 2024 vollständig gebunden.
Straßenbau Gemischt Rekord 2024 durch Autobahn GmbH, aber Vergabestopp Mai–Aug 2025 wegen SVIKG-Aufsetzung verzerrt die Reihe.
Öffentlicher Hochbau (Schulen, Kitas, Krankenhäuser) Schwach antizyklisch / verzögert Kommunal dominiert (~57 % des öffentlichen Bauvolumens); Kommunen selbst prozyklisch durch Gewerbesteuerabhängigkeit.
Wirtschaftshochbau Stark prozyklisch (privat) −7,5 % Auftragseingang im COVID-Jahr 2020.
Wohnungsbau Stark prozyklisch und zinssensibel Genehmigungen 2021–24: −43 %. Sehr stark vom EZB-Zins getrieben.

Operative Konsequenz für Bauunternehmer: Tiefbau, Bahn, Verteidigung sind die Sparten mit der höchsten Umsatz­stabilität bei hoher Auftrags­visibilität — also genau das, was eine mittelständische Firma in unsicheren Marktphasen braucht.

11. Gegenstimmen — die Prozyklik-Kritik

Die These der antizyklischen öffentlichen Vergaben ist nur belastbar, wenn ihre Gegenargumente offen benannt werden. Drei Einwände sind solide belegt und für die unternehmerische Planung relevant:

11.1 Kommunale Investitionen sind klar prozyklisch

Die Gewerbesteuereinnahmen schwanken mit der Konjunktur; Kommunen bauen in guten Jahren mehr, in Rezessionen weniger — das exakte Gegenteil eines Lehrbuch-antizyklischen Verhaltens. Die Spitzenverbände projizieren einen Rückgang der kommunalen Investitionen von 44,5 Mrd € (2024) auf 31 Mrd € (2028) trotz Sondervermögen-Beteiligung der Länder/Kommunen. Da die Kommunen ~57 % des öffentlichen Bauvolumens tragen, ist dieser Effekt erheblich.

11.2 Die Schuldenbremse erzeugt strukturelle Prozyklik

Die Konjunkturbereinigung der Schuldenbremse nutzt das EU-Verfahren, das nach Heimberger (2020) und Rietzler/Truger systematisch die Produktionslücke unterschätzt — der Bund darf in tatsächlichen Krisen weniger Schulden machen als ökonomisch angemessen wäre. Die einzigen Phasen klar antizyklischer Bundesinvestitionen sind solche, in denen die Bremse ausgesetzt wurde (Notlagenregelung 2020–22) oder per Grundgesetzänderung umgangen wurde (Sondervermögen 2022, 2025). Beides ist politisch unsicher.

11.3 Datenqualität

Die deutsche Vergabestatistik existiert in vergleichbarer Form erst seit Q4 2020. Davor sind nur EU-TED-Daten plus nationale Schätzungen verfügbar. Drei verwandte, aber unterschiedliche Konzepte sollten in jeder Analyse sauber benannt sein:

Diese drei Größen können in Krisenphasen über mehrere Quartale auseinanderlaufen. Wer «Vergabevolumen» sagt und «Bauleistung» meint, schwächt die Aussagekraft der Analyse.

12. Handlungsempfehlungen für Bauunternehmer

Stufe 1 — jetzt bis Ende 2026: Pipeline-Ausrichtung

Den Anteil öffentlicher Aufträge im Auftragsbestand gezielt auf ≥40 % heben (typischer Mittelstandswert: 20–25 %). Begründung: SVIK-Mittel fließen ab Mitte 2025, 2026 stehen über 120 Mrd € Bundesinvestitionen an, die überwiegende Mehrheit bauwirksam.

Fokussparten:

Gegenindikator: Wenn der öffentliche Bauauftrags­eingang in drei aufeinanderfolgenden Monaten < 80 % des Vorjahreswerts liegt und das ifo-Geschäftsklima Bau positiv ist, dann erholt sich der private Markt — die öffentliche Pipeline-Ausrichtung sollte neu bewertet werden.

Stufe 2 — 2026/27: Kapazitätsdisziplin

Das IW Köln warnt explizit: Ohne reale Kapazitätserweiterung im Tiefbau von etwa 17,9 % schlagen sich die Sondervermögen-Mittel vor allem in Preiseffekten nieder, nicht in zusätzlicher Bauleistung. Konsequenz für die eigene Firma: Investitionen in Tiefbau-Maschinen, qualifiziertes Personal (Aufbau qualifizierter Tiefbau-Poliere) und ARGE-Partnerschaften — nicht in Wohnungsbau-Kapazität.

Auslöser zum Umsteuern: sobald die Baugenehmigungen Wohnungsbau in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen > +15 % gegenüber Vorjahr liegen, Wohnungsbau-Kapazität neu bewerten.

Stufe 3 — 2027–2030: prognosegestütztes Angebotsmanagement

SARIMA(2,1,1)(1,1,1)12-Modelle auf CPV-spezifischen Vergabe­volumina mit Interventionsvariablen (Haushaltsverabschiedungs- Daten, SVIK-Mittelfreigaben, ifo-Geschäftsklima). Integriert in eine Vergabe-Pipeline-Heatmap, die einem Geschäftsführer zeigt, in welchem CPV-Bereich in welchem Quartal welches Volumen zu erwarten ist. Das ist ein zentrales Modul, das wir bei BidLyzer entwickeln.

Schnellcheck für die eigene Auftragsstruktur

Für die Diskussion in der Geschäftsleitung:

  1. Welcher Anteil des Umsatzes 2025 kam von öffentlichen Aufträgen?
  2. Welcher Anteil des Auftragsbestands 2026 ist öffentlich?
  3. Welche CPV-Bereiche im SVIK-Spektrum sind in der eigenen Bietkompetenz?

Wenn die Antworten 1) und 2) unter 30 % liegen, ist die Firma deutlich zinssensibler als der Marktdurchschnitt — und dürfte 2026–28 spürbar stärker unter Druck geraten.

13. Methodischer Anhang (für Ökonomen)

Für eine Replikation oder Vertiefung empfiehlt sich folgende Analysepipeline:

  1. Saisonbereinigung: X-13ARIMA-SEATS (Census-Bureau-Standard, eingesetzt bei Bundesbank und DESTATIS). DESTATIS verwendet parallel noch das Berliner Verfahren BV4.1, das bis Oktober 2026 abgelöst wird.
  2. Trend-Zyklus-Dekomposition: präsentieren Sie beide gängigen Filter, Hodrick-Prescott (λ=1600 quartalsweise, λ=129 600 monatlich) und den Hamilton (2018) Regressionsfilter (H84-Prädiktor, h=2 Jahre, p=4 Lags). Hamiltons 2018-Papier «Why You Should Never Use the HP Filter» hat eine ausführliche methodische Debatte ausgelöst; aktuelle Arbeiten zu deutschen BIP-Reihen (Springer JBCR 2025) zeigen, dass der Quast-Wolters-modifizierte Hamilton (QWH) für deutsche Daten und insbesondere über den COVID-Schock am robustesten ist.
  3. Konkordanz: Harding-Pagan-Konkordanzindex (Anteil der Perioden, in denen zwei Reihen in derselben Phase sind). Erwartung für (ifo-Geschäftsklima Bau, öffentl. Bau Auftragseingang): Index < 0,5.
  4. Lead-Lag: Kreuzkorrelation (CCF) bis ±12 Monate zwischen Auftragseingang öffentl. Bau und (i) realem BIP, (ii) ifo-Geschäftsklima Gesamt, (iii) Auftragseingang verarbeitendes Gewerbe.
  5. Korrelation: Pearson auf Log-Differenzen plus Spearman-Rang auf Niveaus (robust gegenüber Ausreißern wie 2020 und 2022).
  6. Prognose: SARIMAX auf monatlichen Vergabe-/ Auftragseingangsdaten je CPV-Code; Box-Tiao (1975) Interventions­ variablen für Fiskalpaket-Beschlussdaten; alternativ ein dynamisches Faktormodell auf der Datengrundlage aus TED, Vergabestatistik und ifo.

14. Einschränkungen und Datenlücken

15. Datenquellen und Literatur

Datenquellen Deutschland (primär)

Datenquellen Österreich und Schweiz (für spätere Replikation)

EU-Ebene

Wichtigste Literatur



Über den Autor — David Baldin ist Gründer von Baldin & Friends, einer in Dresden ansässigen Engineering-Beratung mit Schwerpunkt Backend, ML/MLOps und Datenarchitektur, sowie von BidLyzer, einer SaaS-Plattform, die öffentliche Vergaben im DACH-Raum aggregiert und analytisch aufbereitet.

Reproduzierbarkeitshinweis: Alle Grafiken sind aus den genannten Quellen rekonstruiert; das zugrundeliegende Python-Notebook ist auf Anfrage erhältlich. Werte für 2015–2019 sind teils aus den HDB-Langzeitreihen interpoliert und sollten gegen die DESTATIS-GENESIS- Originalreihe Tab. 44111 verifiziert werden, bevor sie öffentlich zitiert werden. Stand der Daten: Mai 2026.

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